Freitag, 19. Juli 2019
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Funktion und Status von Erscheinungen und Privatoffenbarungen (P. René Laurentin)
Wie soll man sie aufnehmen?
«Wenn das Kind das Licht der Welt erblickt hat, spendet der Familienkreis lauten Beifall»,
sagte Victor Hugo.

 

Wenn sich eine Erscheinung ereignet, spendet der kirchliche Familienkreis keinen lauten Beifall. Sie ruft normalerweise Beunruhigung, ein gespanntes Verhältnis, Verärgerung hervor.

Oft scheint das Problem ’Nummer 1’ zu sein: Wie werden wir sie wieder los? (um den Titel eines Stücks von d’Eugène Ionesco aufzunehmen). In Lourdes brach Peyranmale beim ersten Besuch Bernadettes in einen seiner bekannten, ausgezeichnet gekonnten Wutanfälle aus; von den Erscheinungen, die sich während der nachfolgenden fünfzig Jahre ereigneten: Beauring und Banneux (1932-1933), wurde bis zu den achtziger Jahren mehr oder weniger abgeraten; sie wurden unterdrückt oder unter den Scheffel gestellt.

Für den, der Christus und die Gottesmutter liebt, müsste aber eine Erscheinung eine frohe Nachricht sein, wie sie es für viele gute Christen auch ist. Warum stößt sie auf ein solches Misstrauen, eine solche Verstimmtheit?

Ein untergeordneter Status

Dafür gibt es ernstzunehmende Gründe:

  1. Zunächst das Wort Christi: «Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.» (Joh 20, 29), also: Selig jene, die Gott aufs Wort glauben, mehr noch als jene die sehen, und sei es der Auferstandene Christus.
  2. Die Kirche hat das Recht, Sinnestäuschungen und Irreführungen zu fürchten; die Hierarchie fürchtet die Autorität der Seher, die anscheinend einen direkteren Draht zu Gott haben, als sie. Nach Karl Rahner ist dies einer der historischen Faktoren der Spannung zwischen Sehern und Hierarchie.

Darüber hinaus haben Erscheinungen in der Kirche einen bescheidenen Status:

  1. Sie fügen nichts zur Offenbarung Christi hinzu, welche nichts Wesentliches ausgelassen hat.
  2. Infolgedessen handelt es sich um verschiedene Dinge im Leben der Kirche, und nicht um Grundlagen.
  3. Eine Erscheinung, auch wenn sie anerkannt ist, wird niemals ein Dogma (Glaubenssatz) begründen. Die Kirche verpflichtet niemals dazu daran zu glauben. Es handelt sich um einen freien Akt des Glaubens.
  4. Für Melchior Cano [ein Pionier in der Klassifikation theologischer Studien in der Zeit von Trient] gehören Erscheinungen noch nicht einmal zu den zehn "lieux théologiques" (theologische Orte), und dies trotz der Qualität mancher himmlischen Botschaften.
  5. Der hl. Johannes vom Kreuz sagte, sie seien keine Quelle, sondern ein Risiko für das mystische Leben; er urteilte in dieser Sache sehr streng, zum Teil, um sich selbst von dem auf ihm lastenden Verdacht von Wahnvorstellungen zu befreien.

Funktion und Bedeutung der Erscheinungen

Trotzdem nehmen Erscheinungen einen wichtigen Platz im kirchlichen Leben ein.

Sie gehören dem Bereich der Zeichen an. Der Mensch als ein «animal rationale» bedarf ihrer. Gott weiß das: Er hat die Offenbarung und die Riten des Alten Testamentes inspiriert. Christus hat uns das Evangelium und die Sakramente gegeben.

Die Bibel ist ein Gewebe von Zeichen, in dem es sowohl im Alten, als auch im Neuen Testament eine Fülle von Erscheinungen und Wundern gibt.

Auch im Leben der Kirche nehmen Erscheinungen einen wichtigen Platz ein: Guadalupe, Aparecida, Lourdes, Fatima gehören nach Rom zu den bedeutendsten Wallfahrtszielen!

Gott, der zugleich transzendent und vertraut-nahe ist, lässt den Menschen nicht zurück, ohne ihm Zeichen zu geben, ohne die sein Glaube verkümmern und ersticken würde. Außer den objektiven Zeichen, nämlich der Kirche und den Sakramenten, spricht er durch die ganze Geschichte hindurch mittels providentieller und außergewöhnlicher Zeichen, die beurteilt werden müssen.

Diese Zeichen haben prophetische Funktion. Sie erwecken den Glauben von neuem und «vor allem die Hoffnung», betonte Thomas von Aquin. Sie verweisen darauf, dass der transzendente Gott gegenwärtig und nahe bleibt. Die täglichen kleinen und großen, gewöhnlichen und außergewöhnlichen Zeichen sind ein Viatikum (Wegzehrung) für die menschliche Schwäche. Insofern sind die Erscheinungen zuerst eine pastorale Frage, bevor sie zu einer theologischen und juridischen werden.

Die Anerkennung und die Vervielfachung der Erscheinungen

Warum werden die Erscheinungen, die in der Kirche schon erloschen schienen, heutigentags immer zahlreicher?

Dieser Wandel hängt zunächst mit einer kirchenrechtlichen Entscheidung zusammen. Der alte Kodex verbot im can. 1399, Abs. 5, «Bücher und Schriften, die von neuen Erscheinungen, Offenbarungen, Visionen, Prophezeiungen und Wundern berichten». Der Kanon (Can.) 2318 belegte die Zuwiderhandelnden mit der Strafe der Exkommunikation.

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Vatican II

Am 14. Oktober 1966 hob Paul VI. diese kanonischen Bestimmungen auf (Dekret der Kongregation für die Glaubenslehre, in: Acta Apostolicae Sedis vom 29. Dezember 1966, S. 1186). Sie wurden auch in den neuen Kodex des kanonischen Rechts nicht wieder aufgenommen. Die neue Rechtsprechung hat die christliche Freiheit auf der Linie des Konzils wiederhergestellt. Sie bringt den Charismen und prophetischen Initiativen der Laien mehr Vertrauen entgegen. Dies war ein Risiko, aber die Gläubigen haben (mit wenigen Ausnahmen) im allgemeinen in Gehorsam und Bescheidenheit davon Gebrauch gemacht.

Auf die Unterdrückung folgte in diesem Klima der Freiheit die Information. Die lange verdrängten Charismen wurden manchmal in überreichlichem Maße neubelebt.

Mehrere Bischöfe haben in diesem neuen Klima den Kult (die Verehrung) an den neuen Erscheinungsorten anerkannt, und in einem Falle sogar die Echtheit der Erscheinung. Der Bischof von Los Teques (Venezuela), Msgr. Pio Bel Io Ricardo, anerkannte am 7. Februar 1988 die Erscheinungen, die Maria Esperanza Medrano de Hianchi seit 1976, und bis auf den heutigen Tag, hat.

Weitere begünstigende Entscheidungen betreffen den Kult:

  • In Akita (Japan) wollte der Bischof sogar auch die Echtheit anerkennen, aber angesichts der Widerstände in der Bischofskonferenz und in seiner Kommission beließ er es, trotz seiner festen Überzeugung, bei vorsichtigen Formulierungen.
  • In San Nicolas (Argentinien) zog der Bischof nach einer ersten Prüfung an jedem 25. des Monats der gewaltigen Volksprozession zu Ehren der Jungfrau voran, in der gegen 100’000 Personen mitgingen.
  • In Kibeho (Rwanda) billigte der Bischof ab dem 15. August 1988 den Kult. Die Kommission prüft weiterhin die Echtheit. (Kibého wurde seit dem Artikel von René Laurentin anerkannt: http://kibeho-sanctuary.com/index.php/fr/les-apparitions-de-la-vierge-marie-a-kibeho/reconnaissance).
  • ln Medjugorje anerkannte die Bischofskonferenz schließlich nach dem, wie man sagt, bekannten konfusen Hin und Her um den Kult.

Die Beurteilung bleibt jedoch oftmals konfus, doppeldeutig, umstritten. So werden Hindernisse eingefügt.

Bildung von Kommissionen

Auf Kommissionsebene bleibt das Verfahren oft an Vorurteilen oder unangemessenen Gewohnheiten hängen, die eine Revision auf verschiedenen Ebenen erfordern würden.

Wenn die kirchliche Behörde eine Untersuchungskommission einsetzt, beschickt sie sie im Allgemeinen mit Theologen, Kirchenrechtlern und Psychologen oder sogar Psychiatern. Man darf sich fragen, ob diese Personenkategorien die bestgeeigneten für die geistliche Beurteilung des Eingreifens Gottes sind. Ich riet vor einigen Jahren einem Kardinal, der eine solche Kommission einsetzen wollte:

«
Wählen Sie Leute aus, die nicht Buchgelehrte sind, sondern die eine wirkliche Erfahrung in der Herzenserkenntnis und den geistlichen Realitäten haben. Sie finden sicherlich unter heiligmäßigen Beichtvätern, Leitern von Priesterseminaren, Novizenmeistern und Exorzisten solche, die für ihr Urteilvermögen und ihre Heiligkeit bekannt sind. Auf diesem Gebiet ist die Seelenverwandtschaft ausschlaggebend. Gewiss ist es auch gut, ein oder zwei Theologen zu benennen, um die Lehre zu überprüfen, und auch Wissenschaftler, um die Natur der Fakten zu beschreiben; aber auch diese sollten eine gewisse geistliche Sensibilität haben.
»

Dieser ebenso banale wie evidente Vorschlag ist bisher kaum je befolgt worden. Selten werden Prüfer, die in spirituellen Dingen erfahren sind, bestellt.

Zudem flüchten sich die Kommissionen, die normalerweise die Aufgabe hätten, den zuweilen kompetenten Pilgern in ihrem Bemühen der Beurteilung zu helfen, meistens in die Geheimhaltung und geben dann gerne, ohne irgendwelche Abklärungen, völlig unausgewogen und unmotiviert die ausweichend-negative Formel heraus: Das Übernatürliche ist nicht nachgewiesen (non patet supernaturalitas). Und diese offene und bedeutungslose Formel wird von den Zeitungen dann oft als Verurteilung interpretiert, so als ob diese Negativformel lautete: Patet non supernaturalitas: Das Übernatürliche ist ausgeschlossen.


Diese konfusen Situationen gehen auf folgende Unstimmigkeiten zurück:

  1. Die Kommissionen sind oft gespalten bezüglich der Wunderauffassung, nämlich des Außergewöhnlichen. Das Wunderbare ist aber weder wesentlich, noch vorrangig oder gar notwendig für die Anerkennung eines übernatürlichen Tatbestands: einer Vision oder eines Charismas. Das Übernatürliche ist vornehmlich diskret und innerlich. Es verrät sich an mehr oder weniger unscheinbaren Zeichen, welche gute Seelenführer zu erkennen wissen. Dass persönliche Gnaden Gottes eine Durchbrechung der Naturgesetze bewirken, ist selten und zweitrangig.
  2. Häufig wird von solchen "Wundern" eine absolute, exakt wissenschaftliche Evidenz erwartet: Der zweite Irrtum, denn die Gotteszeichen werden allgemein in einem Hell-Dunkel gegeben, welches die Freiheit (des Einzelnen) nicht einschränkt und lediglich die Schlussfolgerung einer verschiedengradigen Wahrscheinlichkeit zulässt.
  3. Infolgedessen schlussfolgern die Kommissionen: "Das Übernatürliche ist nicht erwiesen" (non patet), eine in doppelter Hinsicht zweideutige Formel:
    1. sie zeugt von bedauernswerter Konfusion bezüglich des «Wunders» und des «Übernatürlichen»
    2. das Übernatürliche ist an diesen Gebetsstätten meist reichlich vorhanden, und diejenigen, die sich dort bekehrt haben, stößt es vor den Kopf, wenn sie sagen hören: «Das ist nicht übernatürlich.»
  4. Häufig wird auch die Untersuchung der begleitenden Wunder auf verschiedenen Ebenen vernachlässigt. Ohne seriöse Untersuchung der oftmals bemerkenswerten Heilungen und geistlichen Früchte wird das Wunder für nicht erwiesen erklärt; ja, auch diese Früchte werden nicht beachtet, wo sie doch nach den Worten Christi selbst die Hauptsache sind (Mt 7,16-18; 12,32-33).
  5. Die Kommissionen geben unerklärliche Fakten allzu leichtfertig für erklärlich aus, während sie selbst allerdings keinerlei stichhaltige Erklärung dafür abgeben können. Sie setzen lediglich voraus, dass die Parapsychologie, die Psychoanalyse, sogar der Okkultismus alles erklären können. In dieser Hinsicht war der Bericht der nationalen Kommission von Akita (Japan) höchst seltsam: Der Hauptsachverständige vermutete, die Seherin könnte die parapsychologische oder «hek- toplasmische» Ursache der Blut- und Schweißausbrüche gewesen sein, die über hundertmal aus der Statue der Gottesmutter hervorgetreten waren.

Da, wo Christen, die kein Mandat erhalten haben, zu urteilen versuchen, wird ihre Einstellung oft mit folgenden Bemerkungen abgewiesen:

Wenn Christen, denen es an Unterscheidungsvermögen fehlt, versucht sind etwas zu beurteilen, dann erzeugt ihr Verhalten die nachfolgenden Betrachtungen:

Là où des chrétiens sans mandat tentent de juger, leur attitude appelle souvent les observations suivantes :

  • Viele behaupten: «Ich habe die Gabe der Unterscheidung» und dünken sich unfehlbar. Das sagt noch nicht einmal der Papst von sich selbst oder die mit demselben Problem konfrontierten Bischöfe. Seit dem V. Laterankonzil haben die Konzilien und die Überlieferung (der Kirche; die Tradition) diese aber aufgefordert, das Urteil von Experten einzuholen, bevor sie ihr eigenes Urteil, das sich aus vielen konvergierenden zusammensetzt, bilden. Rom hatte sogar mit Erstaunen darauf reagiert, dass der Bischof von Los Teques die Erscheinungen anerkannte, ohne eine Untersuchungskommission zu bilden. Er war jedoch der einzige qualifizierte Experte seiner Diözese, denn er war zugleich Professor für Psychologie und Spiritualität und Rektor der Katholischen Universität von Caracas.
  • Gewisse Leute beurteilen lediglich Äußerlichkeiten aufgrund von Ideologien oder Befangenheiten und projizieren, je nachdem, einmal das Wunderbare, und einmal das Schlimmste, auf das Ereignis. Man ist erstaunt, wie vorschnell und oberflächlich sogar angesehene Leute so leichtfertige Urteile aussprechen, wie:

    "Das ist der Teufel"

    "Das ist channelling" (mit anderen Worten: Der Seher ist der Kanal dunkler Mächte).

    Allzu viele Psychoanalytiker Freud’scher Schule führen alles auf die Psyche, bzw. eine Neurose, zurück.

    Ideologen und Systemdenker produzieren Verwechslungen, um ihre Hypothese zu untermauern, meist, ohne jemals den Seher oder den mit dem Charisma Begnadeten gesehen oder befragt zu haben.


Die, welche in Kanada eine Kampagne gegen Vassula inszeniert hatten, waren ihr nie begegnet. Wenn auch einige in einer für mich unangenehmen Weise gegen mich zu Felde zogen, wollte ich doch aus zwei Gründen nicht in diese Auseinandersetzung eintreten:

Mehrere von ihnen sind mir befreundet, und ich schätze sie. Ich habe ihnen meine Gründe und meine Beurteilungen mitgeteilt und ihnen die ausschließlichen Verfügungsrechte darüber eingeräumt. Sie sollten diese, wenn sie es für richtig hielten, veröffentlichen, oder sie für sich behalten.

Polemik würdigt nämlich herab. Sie ist kein gutes Mittel, um zu einer Beurteilung zu kommen, denn letztere ist auch Sache der Intuition.

Mir ist vorgeworfen worden, eine «Gewähr» für Vassula abzugeben. Diesen Ausdruck habe ich nie gebraucht. Ich halte mich daran, Indizien für eine Beurteilung nach den klassischen Regeln vorzulegen. Es bleibt also jeder frei zu urteilen, und auf diesem Gebiet ist die Freiheit statutenmäßig gewahrt. Auch die Äußerung einer offiziellen Amtsgewalt zu einer Erscheinung verpflichtet niemanden, ihr Urteil zu übernehmen, sondern sie schlägt es vor.

Ich respektiere also jedermanns Freiheit, auch die der Gegner, deren guten Glauben ich nicht in Zweifel ziehe.

René Laurentin,
Quand Dieu fait signe. Réponse aux objections contre Vassula (Wenn Gott Zeichen gibt)
ed. F.X. de Guibert, 1993, p. 6-16. (12-21)
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